In folgendem Artikel nehme ich Bezug[] auf die jüngsten Ereignisse, die keinesfalls Einzelfälle darstellen, sondern allenfalls die berühmt-berüchtigte Spitze des Eisbergs aufzeigen.
Imagine a world in which every single person on the planet is given free access to the sum of all human knowledge. That’s what we’re doing.
–Jimmy Wales
Was ist die Summe allen Wissens, die Wales in diesem Interview ansprach? Meine Vorstellung davon, die irgendwelcher anderen? Oder sind es mehr die machtvollen Gefüge, mit denen sich Historiker in der Regel ausschließlich beschäftigen? Sind es herausstechende Leistungen, die die Menschheit vorwärts bringen? Wer kann diese Fragen überhaupt beantworten? Kein Mensch. Betrachten wir den Kulturhistoriker, in meinen Augen, neben dem Archäologen, die Idealform des Geschichtswissenschaftlers: jener Kulturhistoriker kennt keine wirklichen Relevanzkritierien, alles interessiert, winzige Details können große Zusammenhänge erklären, können Aufschluß geben bezüglich der schier grenzenlose Bandbreite dessen was wir als Kultur bezeichen. Zusammenhänge werden dort beleuchtet, der Mensch per se betrachtet, geistige Strömungen analysiert und selbst wenn auch die große Politik nicht wirklich primären oder gar , wie usus bei Historikern, absoluten Stellenwert genießt, tangiert diese dennoch, ist sie doch ebenso Bestandteils des Lebens, der Kultur.
Können wir es uns also tatsächlich leisten den Rotstift an Informationen anzusetzen und seien sie noch so banal – zumindest in unseren Augen? Ich denke nicht, relevant ist was Menschen interessiert. Wieviele Interessenten müssen dabei zusammenkommen? Drei, fünf, 100 oder mehr? In einem gedruckten Werk mag dies ob Auflage, anvisiertem Publikum usw. tangieren. Bei einem enzyklopädischen Werk ist dies ebenso von Interesse – zumindest in gedruckter Form. Alles ist dort endlich, das ganze Werk per se ein einziger Kostenfaktor, welcher im Vorfeld bestimmt werden muß. Anders bei einem enzyklopädischen Werk, welches online residiert und zudem kostenlos daherkommt. Bei jener Online-Enzyklopädie ist der Kostenfaktor zwar ebenso vorhanden, aber ob des zeitnahen dynamischen Charakters dieser Enzyklopädie entwickeln sich die Kosten erst im Laufe der Zeit und werden in der Regel mittels Sponsoring, Werbung oder seitens Spenden Einzelner kompensiert. Im Falle der Wikipedia kommt zudem der unentgeltliche Einsatz der Partizipierenden hinzu, so daß wirtschaftlich orientierte Relevanzkriterien außen vor bleiben können. Und last not least ist das anvisierte Klientel kein ausschließliches Fachpublikum oder ein sonstige ausgewählte Personenkreise, sondern jenes von der Wikipedia anvisierte Klientel ist schlicht die Menschheit, sprich Menschen wie du und ich – ein omnipotenter Anspruch.
Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.
–Aristoteles
Ebenso omnipotent gestaltet sich aber auch jener Anspruch an die Relevanzkritieren, d.h. bei jenen muß, um diesem free access to the sum of all human knowledge zu genügen, eine äußerst niedrige Schwelle akzeptiert werden. Daß nicht jener noise einfließen kann, daß man manchmal auch die Spreu vom Weizen trennen muß, dies alles steht außer Frage. Aber man muß mit Bedacht vorgehen: augenscheinlich irrelevant gemäß dem Gusto einiger hat auf lange Sicht keine Bedeutung. Eher müßte man Fragen, ist es nonsense der da einfließen soll bzw. läßt sich jener vermeintliche nonsense denn überhaupt belegen? Das sind Dinge die man in der Praxis ausarbeiten muß, wer jedoch die Messlatte anlegt und Relevanz vermessen möchte, der hat die Bedeutung von Wissen nicht im Ansatz verstanden. Jene meinen wahrscheinlich auch Lyrik mittels Versmaß & Co vergewaltigen zu können und so der Intention des Poeten gerecht zu werden. Kapitale Irrtümer mit weitreichenden Kolateralschäden, so oder so …
Der Pirat des Wissens ist ein guter Pirat. Wenn ich noch einmal jung wäre, dann würde ich ein Schiff bauen, das so hieße: Pirat des Wissens. Was in der Wissenschaft derzeit schlimm ist, ist dass die Firmen ihr Wissen kaufen und es deshalb geheim halten wollen. Und deshalb werden die Piraten morgen die sein, die im Recht sind. Man wird das Geheimnis piratieren.
–Michel Serres
Die Frage der Verwertbarkeit des dargereichten Wissen, der wissenschaftlichen Tauglichkeit, ist natürlich hiermit nicht beantwortet. Dort ist die Situation eine völlig andere, da ziehe ich persönlich und viele andere auch das gedruckte Werk aus einer Fachredaktion vor, die nach bestem Wissen und Gewissen zu Werke ging und nicht die Kunst des längeren Atems zur Kür erhob. Da ist letzendlich ohnehin ein Nebeneinander gefragt, die Quellenkritik und nicht die Ausgrenzung.
Ich sehe kein Problem damit, daß z.B. Der kleine Pauly oder auch mein Müller-Karpe in meinem Arbeitsumfeld die authentischeren Informationen liefert, insgesamt qualitativ wertigere Aufsätze gegenüber der Wikipedia bereitstellt. Aber diese Enzyklopädie mit dem globalen Ansatz kann Wissen verknüpfen mittels kleiner Bauteile, die durch das Relevanzraster des gedruckten Werks durchfallen. Die Wikipedia kann Bereiche zeitnah oder überhaupt erschließen, die nicht den Aufmerksamkeitshorizont der traditionellen Redaktionen berühren und somit eine benötigte Information in time bereitstellen bzw. die Reichweite von Wissen per se drastisch erweitern.
Ich hoffe, daß dieser Ansatz nicht seitens einer kleinkarierten, primär Deutschen Denkweise einiger Wikipedia Residents geopfert wird und wir letztendlich auf lange Sicht nur den zweitklassigen Abklatsch einer Enzyklopädie schauen.